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Wütend auf Schaufenster

Aktualisiert: Feb 12



So viele Menschen laufen wie ferngesteuert in den Straßen der Innenstädte. Von den perfekten Hochglanz-Schaufenster-Fotografien strahlen mir die weißen Zähne einer großen blonden schlanken Frau entgegen. In einigen anderen Schaufenstern sehe ich schwarze Puppen und frage mich welche Kleidergrößen sie wohl tragen? Und gibt es eigentlich Schaufensterpuppen die Frauen und Männer abbilden, die keine Modelmaße besitzen? Ich habe bisher keine Puppe und kein Werbeplakat in meiner Stadt gesehen, welche/s Frauen ohne flachen Bauch, ohne große Brüste und ohne Pfirsichpo repräsentieren.

Auch die männliche Figur wird als erstrebenswert in der "Men's Health" mit den Maßen 100-80-100 angegeben, wichtig dabei: natürlich gut durchtrainiert und eine ideale Körpergröße von 1,85m.

Auf eine sehr direkte und gleichzeitig unbewusste Art und Weise gibt uns die Modeindustrie Regeln vor- Regeln, die mittlerweile so stark an Zahlen gebunden sind, dass Körpertypen scheinbar keine Rolle mehr spielen. Es scheint demnach gleichgültig, ob du z. B. eine zweifache Mutti bist, die neben dem Vollzeitjob als Mama und ihrem Beruf keine Zeit mehr für Sport findet oder ob du ein Mann bist, der an Depressionen leidet und keine Kraft hast dir dreimal am Tag etwas Gesundes und Nährstoffreiches auf den Tisch zu zaubern. Der Modeindustrie ist das ziemlich schnurz. Passt du nicht rein, passt du nicht rein und findest dich höchstens in spärlich ausgestatteten Übergrößen-Abteilungen wieder.(Übrigens fällt mir immer wieder auf, dass in den "Übergröße" Abteilungen zumeist Kleidungsstücke hängen, die alle Loose Fit besitzen, sprich: lockeren Sitz. Ich persönlich bin sehr zwiegespalten zwischen dem offensichtlichen Willen ein höheres Körpergewicht zu überdecken und damit einen Wohlfühl-Faktor zu erreichen und der Überzeugung "Jeder sollte tragen, was er oder sie will!". Letzteres können nämlich genauso gut farbenfrohe, kurze Sommerkleider und enge Jeans oder Leggings sein, die ich leider viel zu wenig in den besagten Größen-Kategorien sehe.)

Das Wort "Übergröße" triggert mich schon lange. Es macht mich regelrecht wütend. Nach Angaben des statistischen Bundesamtes ist die deutsche Frau im Durchschnitt 1,64m groß, wiegt 68 kg und trägt Konfektionsgröße 42/44. Der deutsche Durchschnittsmann ist 1,78m groß und 82,4 kg schwer. Nun sollte man ja denken, alles was als "Plus-Size" oder "Übergröße" tituliert wird, sollte nicht nur ein oder zwei Konfektionsgrößen über der Durchschnittsgröße sein. Die Realität sieht leider anders aus. Schaut man bei einschlägigen Fast Fashion Modelabels an die Kleiderständer für Frauenmode, hängen dort nur Kleidungsstücke bis Größe 42. Neben dem Gefühl an der Grenze zum Übergewicht zu stehen, weil ich Hosen der Größe 42 trug, brachte es mich beinahe an den Rand der Verzweiflung zu sehen, dass Kleidungsstücke in den Konfektionen 40 und 42 regelmäßig ausverkauft waren.

Ich fing an, wütend auf mich selbst zu sein, weil ich ja selbst Schuld sei, diese Größen zu tragen. Ich redete mir ein, ich würde zu viel essen. Es könnte ja nicht normal sein "diese Größen" zu tragen. Ich war nur noch wenige Pizzen oder Bonbons entfernt zur "Übergrößen"-Abteilung. (Übrigens fällt mir immer wieder auf, dass in den "Übergröße" Abteilungen zumeist Kleidungsstücke hängen, die alle Loose Fit besitzen, zu deutsch: lockeren Sitz. Ich persönlich bin immer noch sehr zwiegespalten zwischen dem offensichtlichen Willen ein höheres Körpergewicht zu überdecken und damit einen Wohlfühl-Faktor zu erreichen und der Überzeugung "Jeder sollte tragen, was er oder sie will!". Letzteres können nämlich genauso gut farbenfrohe, kurze Sommerkleider und enge Jeans oder Leggings sein, die ich leider viel zu wenig in den besagten Größen-Kategorien sehe.)

Mein Spiegelbild verformte sich in meinen Augen, zu etwas dass ich gar nicht lieben wollte, weil ich immer nur vergleichend auf die Models in den Schaufenstern oder Hochglanz-Magazinen schaute. Dass mein Körper zu der beschriebenen Zeit viermal in der Woche anderthalb Stunden trainierte und am Wochenende auch noch Wettkämpfe bestritt, geriet in den Hintergrund.

Bis ich begriff...

Ich selbst habe verlernt, dass ich schön bin.

Ich hatte verlernt mich selbst zu lieben.

Wie sollte ich mich selbst lieben, wenn ich mich ständig an die Models in den Schaufenstern hielt. Wie sollte ich mich selbst lieben, wenn ich mich jeden Tag, jede Minute mit anderen Frauen in meinem Alter verglich. So kitschig es auch klingt, nicht mein Körper musste sich verändern, sondern mein Mindset.


Ich habe zuhause eine Postkarte an meiner Pinnwand hängen mit einem Spruch aus dem "Flow Magazin", der mich immer begleitet, wenn ich oder jemand anderes gerade mit sich selbst struggelt.


"Sei Du selbst. Alle anderen gibt es schon."


Ich empfinde diese zwei Sätze sehr beruhigend, wenn ich mich erwische, wie ich mich selbst nicht mehr leiden mag; wenn ich vor dem eigenen Spiegel oder draußen vor dem Schaufenster stehe.

Niemand ist so wie ich. Und niemand ist so wie du. Warum versuchst du dich dann noch zu verstellen, zu kopieren und dich damit zu verleugnen? Meine Reise bis hierhin hat 21 Jahre gedauert. Ich wünsche mir für die Zukunft, dass es nicht mehr 21 Jahre braucht um sich selbst zu akzeptieren. Ich wünsche mir, dass meine Kinder-die zukünftige Generation- aufwächst, ohne sich äußerlich zu vergleichen und abzugrenzen.

Erlaube dir, dich selbst so anzunehmen wie du bist.

Also reiße deine inneren Schönheitsideale, deine inneren Model-Schaufenster nieder und erschaffe dir deine eigenen, realen Bilder.

Das Leben ist zu kurz, um es im Krieg mit dir selbst und den Schaufenstern auszufechten.


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